DAN PYLE
Dan Pyle erschafft mit Blei- und Kohlestift Werke von beeindruckender Präzision und Tiefe. Seine hyperrealistischen Zeichnungen wirken auf den ersten Blick wie Fotografien – doch hinter jedem Strich steckt handwerkliche Perfektion und ein feines Gespür für Licht und Schatten.
Ob ausdrucksstarke Porträts, detailreiche Stillleben oder elegante Automobile – Pyles Motive sind vielfältig, aber immer geprägt von einer besonderen Atmosphäre. Seine Kunst lädt dazu ein, innezuhalten, genauer hinzusehen und die faszinierenden Nuancen des Alltäglichen neu zu entdecken.
Der mehrfach ausgezeichnete Künstler aus Kalifornien begeistert mit einer Technik, die über das reine Abbild hinausgeht – seine Werke berühren, erzählen Geschichten und lassen uns staunen.
Übersetzung des Künstlergesprächs mit DAN PYLE
30. März 2025
Sabrina Kalcher:
Herzlich willkommen Dan, es ist eine große Freude, dich heute hier zu haben.
Dan Pyle:
Danke, ich freue mich, hier zu sein.
Sabrina Kalcher:
Wir freuen uns, dich nicht nur im Podcast als Gast zu haben, sondern auch deine Kunstwerke für unsere Ausstellung in der Galerie Kunst Hermann. Wie fühlst du dich, Dan? Wie war deine Zeit in Neumarkt bisher?
Dan Pyle:
Es war großartig. Wir sind gestern Nachmittag hier hergekommen, haben die Altstadt erkundet und uns für die Eröffnung am Abend vorbereitet. Es war sehr spektakulär mit so vielen Menschen und ich habe eine große Wertschätzung für meine Kunst erlebt. Es war also ein sehr schöner Abend.
Sabrina Kalcher:
Perfekt, das ist toll zu hören. Ich habe gestern tolle Gespräche über deine Kunst gehört und wie fasziniert die Menschen waren.
Dan Pyle:
Ja, es gab viele Komplimente und viele Fragen. Es war toll, dass die Menschen so engagiert waren am Abend.
Dan Pyles Leben & seine deutsche Wurzeln
Sabrina Kalcher:
Ja, es war wirklich toll, dass du hier warst und all sie kennengelernt hast. Wir haben deine deutschen Großeltern bereits bei der Eröffnung erwähnt. Könntest du unsere Zuhörer auf eine kleine Reise in die Vergangenheit mitnehmen und uns mehr über deine familiären Wurzeln erzählen?
Dan Pyle:
Ja, meine Großeltern kamen aus der Gegend um Berlin und wanderten in die USA aus, noch bevor sie Kinder hatten. Sie waren ein junges, frisch verheiratetes Paar und ließen sich schließlich in Montana nieder, wo sie eine Farm bewirtschafteten.
Dort wuchsen meine Mutter und ihre Brüder auf. Ich selbst wurde ganz in der Nähe dieser Farm in Wolf Point geboren. Meine Großeltern haben mich und meine Kunst immer sehr unterstützt. Ich habe als Kind kleine Zeichnungen für sie gemacht, die sie dann stolz in ihrem Haus aufgehängt haben. Es war etwas ganz Besonderes, dass sie mein Talent schon so früh gesehen und wertgeschätzt haben.
Sabrina Kalcher:
Das klingt unglaublich. Gibt es eine besondere Erinnerung an deine Großeltern, die dir besonders wichtig ist?
Dan Pyle:
Ich habe als Kind ein bisschen Deutsch gelernt, weil ich es von ihnen gehört habe. Meine Mutter sprach ebenfalls Deutsch. Jedes Mal, wenn meine Großeltern uns besuchten, war es etwas ganz Besonderes, weil sie so glücklich waren.
Sie haben ihr Leben in den USA geliebt, aber vor allem ihre Familie. Ich glaube, das kennt jeder, der eine enge Verbindung zu seinen Großeltern hat – sie zu sehen, war immer etwas Schönes und Besonderes.
Sabrina Kalcher:
Das ist wirklich schön. Du bist in Wolf Point geboren und hast an mehreren Orten gelebt, bevor du dich in Palm Springs niedergelassen hast. Erzähl uns ein wenig über diesen Weg.
Dan Pyle:
Als kleines Kind habe ich nur kurz in Wolf Point gelebt. Dann sind wir nach Washington gezogen, und dort bin ich größtenteils aufgewachsen. Später, als ich älter wurde und mehr von der Welt sehen wollte, zog es mich in neue Städte.
Ich habe einige Zeit in Seattle verbracht, dann in Kalifornien – unter anderem in San Francisco, Long Beach und West Hollywood. Schließlich bin ich in Palm Springs angekommen.
Sabrina Kalcher:
Mit all diesen verschiedenen Erfahrungen – was bedeutet für dich „Zuhause“?
Dan Pyle:
Nun, das ändert sich mit der Zeit. Palm Springs ist eine Stadt, die sich stark an Erwachsene und ältere Menschen richtet. Es hat ein angenehmes Klima und eine entspannte Atmosphäre – perfekt für mich.
Ich habe jeden Ort, an dem ich gelebt habe, sehr geschätzt. Die Erfahrungen, die ich dort machen durfte, und die Verbindungen, die ich geknüpft habe, bedeuten mir viel. Aber jetzt bin ich sehr glücklich, hier zu sein – es fühlt sich einfach richtig an.
Sabrina Kalcher:
Das heißt, dein Leben ist eng mit den Orten verbunden, an denen du warst?
Dan Pyle:
Ja, genau. Ich glaube, man entwickelt sich weiter und zieht dann an einen neuen Ort. Und dieser Ort prägt einen wiederum und beeinflusst, wie man sich weiterentwickelt.
Sabrina Kalcher:
Spannend! Du hast erwähnt, dass du ein bisschen Deutsch sprichst. Gibt es einen bestimmten Satz auf Deutsch, den du besonders magst?
Dan Pyle: Ja! Ich habe eine Lieblingsphrase, die ich oft benutze – vor allem, damit die Leute nicht denken, dass ich fließend Deutsch spreche! Mein Deutsch ist ziemlich begrenzt, und ich möchte vermeiden, dass sie zu schnell oder zu viel mit mir reden, denn dann verstehe ich es nicht mehr.
“Ich kann Deutsch besser sprechen, als ich es verstehe” – das Zuhören und Übersetzen fällt mir schwerer. Aber ich versuche, jeden Tag ein bisschen zu lernen, um meinen Kopf fit zu halten. Hoffentlich kommen bald noch ein paar neue Wörter dazu!
Sabrina Kalcher:
Du lernst also weiter Deutsch – hat das auch damit zu tun, weil dein Kunstverleger aus Deutschland kommt und du mehrmals im Jahr hier bist?
Dan Pyle:
Ja, mittlerweile komme ich etwa zweimal im Jahr nach Deutschland, und das schon seit rund zehn Jahren. Es geht für mich nicht nur darum, die Sprache zu lernen – sie hilft mir auch, wenn ich hier bin.
Auf Ausstellungen kommt es oft vor, dass Besucher mir Fragen auf Deutsch stellen, und manchmal sprechen sie kein Englisch. Dann möchte ich in der Lage sein, zu antworten. Ich will nicht, dass jemand denkt, dass ich nicht mit ihm kommunizieren kann.
Dan Pyles Künstlerischer Stil & Weg zum Realismus
Sabrina Kalcher:
Lass uns über deine Kunst sprechen. Deine Werke sind unglaublich realistisch. War das schon immer dein Stil, oder hast du auch mit anderen Techniken experimentiert?
Dan Pyle:
Ich habe mein ganzes Leben lang mit verschiedenen Kunstformen gearbeitet. In meinen frühen Jahren habe ich viel experimentiert – mit Öl-, Acryl- und Aquarellfarben, mit Pinseln und Pastellkreide.
Ich habe alles ausprobiert, aber Kohle war das Medium, das mich am meisten fasziniert hat – also bin ich dabei geblieben. Ich habe immer einen realistischen Stil verfolgt, auch wenn es in meinen Anfängen noch nicht so ausgefeilt war. Aber über die Jahre hat sich mein Realismus weiterentwickelt. Mein Ziel ist es, mich ständig zu verbessern und meine Werke noch realistischer zu machen.
Viele Menschen verwechseln meine Zeichnungen mit Schwarz-Weiß-Fotografien – das ist für mich ein großes Kompliment! Denn genau das ist es, was ich erreichen möchte.
Sabrina Kalcher:
Das bedeutet, du hörst das oft?
Dan Pyle:
Ja, ständig! Und ich liebe es. Falls ich das eines Tages nicht mehr höre, dann weiß ich, dass ich mich weiterentwickeln muss.
Sabrina Kalcher:
Aber du bezeichnest dich selbst nicht als fotorealistischen Künstler?
Dan Pyle:
Nicht wirklich. Ich mache Realismus, und manche nennen es Fotorealismus oder Hyperrealismus. Aber ich persönlich kategorisiere mich nicht – ich bleibe einfach bei „Realismus“.
Dan Pyle über seine Detailgenauigkeit und den Einfluss von Technologie
Sabrina Kalcher:
Als ich deine Werke das erste Mal gesehen habe, musste ich an ein Zitat von Leonardo da Vinci denken: „Lerne zu beobachten und werde ein Meister der Perspektive.“ Deine Kunst zeigt eine unglaubliche Liebe zum Detail. Wie hast du dein Auge für diese Präzision trainiert?
Dan Pyle:
Ich war schon immer sehr detailorientiert – nicht nur in meiner Kunst, sondern auch im Alltag. In meinen früheren Berufen spielte Genauigkeit und Organisation eine große Rolle, und das hat sich mit der Zeit auch auf meine Kunst übertragen.
Je mehr man etwas macht, desto besser wird man. Ich arbeite mit Fotovorlagen, und dank moderner Technologie kann ich heute viel präziser arbeiten. Früher hatte ich nur ein kleines Foto als Referenz, aber jetzt kann ich auf meinem Tablet in jedes Detail hineinzoomen, das mir vorher verborgen blieb.
Das hilft mir enorm dabei, noch mehr Realismus in meine Werke zu bringen. Je mehr Details ich wahrnehme, desto realistischer wird das Bild.
Sabrina Kalcher:
Technologie hat also einen großen Einfluss auf deine Kunst. In unserer Ausstellung zeigen wir hauptsächlich deine Schwarz-Weiß-Werke – einige in Kohle, andere mit dezenten Farbakzenten. Welche Bedeutung hat Farbe für dich – sowohl in deiner Kunst als auch in deinem Alltag?
Dan Pyle:
Ich war schon immer ein „Schwarz-Weiß-Mensch“. Meine Einrichtung war früher hauptsächlich schwarz und weiß, und selbst meine Kleidung bestand meist aus Schwarz und Dunkelblau.
Aber mit der Zeit habe ich entdeckt, dass schon ein kleiner Hauch von Farbe einem Werk neues Leben einhauchen kann. Nicht jedes Bild braucht Farbe, aber manchmal setze ich gezielt Farbakzente – zum Beispiel in den Augen eines Tieres oder auf den Lippen eines Porträts. Das verleiht dem Werk eine besondere Note.
Mittlerweile hat sich mein Verhältnis zur Farbe verändert. Mein Zuhause ist heute viel farbenfroher als früher, und ich lebe in Palm Springs – einer sonnigen, fröhlichen Umgebung. Die intensiven Farben um mich herum inspirieren mich, Farbe mehr zu schätzen und bewusster einzusetzen.
Sabrina Kalcher:
Spiegelt sich das auch in deiner Kunst wider? Nutzt du heute mehr Farbe als früher?
Dan Pyle:
Ja, ich denke schon. Besonders bei kleineren Werken kann eine dezente Farbnuance das gewisse Etwas hinzufügen. Farbe passt zwar nicht zu jedem Bild, und ich verwende sie immer noch sparsam – aber Sammler und Betrachter schätzen diese kleinen Farbakzente sehr. Sie machen das Werk noch interessanter.
Die Faszination für Dan Pyles Tierporträts
Sabrina Kalcher:
Gestern bei der Vernissage konnte man beobachten, wie viele Menschen von deinen Zeichnungen fasziniert waren – besonders von den Tiermotiven.
Dan Pyle:
Ja, ich bekomme oft Kommentare zu meinen Tierzeichnungen, vor allem, wenn ich Farbakzente setze. Viele sagen sofort: „Wow, die Augen!“ Ich glaube, genau das zieht sie an. Wäre das Tier nur in Schwarz-Weiß, würde es vielleicht nicht direkt auffallen – aber die Augen fesseln den Betrachter, und dann beginnt er, das gesamte Bild wahrzunehmen. Das macht die Zeichnung für viele noch bedeutungsvoller.
Sabrina Kalcher:
Bei der Eröffnung haben wir auch die Dokumentation über dich gesehen, die von deinem Kunstmanager „Premium Modern Art“ produziert wurde. Dort bekommt man spannende Einblicke in deinen Schaffensprozess – besonders bei den Tierporträts. Ich kann sie unseren Zuhörern und Lesern wirklich empfehlen! Man findet sie auf YouTube, und sie ist absolut sehenswert.
Eine Szene, die mich besonders beeindruckt hat, war dein Eisbär-Porträt. Denn wie du selbst sagst, ist es unglaublich schwierig, einen weißen Eisbären auf weißem Papier darzustellen.
Dan Pyle:
Ja, genau. Es ist, als würde man „umgekehrt“ zeichnen. Normalerweise trage ich Kohle auf, um ein Motiv zu erschaffen – doch bei einem weißen Tier wie dem Eisbären muss ich stattdessen die Schatten setzen.
Ich beginne also mit den dunkleren Stellen und arbeite mich dann mit einem Radiergummi in die helleren Bereiche vor, um das Fell herauszuarbeiten. Es ist eine völlig andere Herangehensweise als bei anderen Motiven. Zudem hat jedes Tier eine eigene Fellstruktur oder Hautbeschaffenheit, was jedes neue Porträt zu einer Herausforderung macht. Ich frage mich bei jedem neuen Werk: Wie schaffe ich diesen speziellen Effekt? Wie bringe ich das Fell realistisch zur Geltung? Doch es funktioniert – und die Menschen reagieren sehr positiv auf meine Tierporträts.
Sabrina Kalcher:
Deine Werke begeistern viele Menschen – und wer sich weiter mit deiner Kunst beschäftigen möchte, kann das auf mehreren Wegen tun. Du bist auf Instagram, Facebook und hast eine eigene Webseite. Zudem gibt es auf unserer Galerie-Webseite einige Einblicke in die Ausstellung.
Dan Pyle: Ja, genau! Es gibt viele Möglichkeiten, meine Arbeiten zu entdecken. Ich freue mich über jeden, der meine Kunst verfolgt und sich mit meinen Werken auseinandersetzt.
Dan Pyles lebenslange Leidenschaft für die Kunst
Sabrina Kalcher:
Du hast vorhin erwähnt, dass du schon seit deiner Kindheit zeichnest. Wie lange machst du das jetzt schon?
Dan Pyle: Oh, mein Gott… Schon seit ich denken kann! Ich erinnere mich, dass ich als kleines Kind immer meine Buntstifte oder Stifte dabeihatte und überall gezeichnet habe.
Ich habe oft Bilder aus meinen Kinderbüchern kopiert oder einfach drauflosgezeichnet. Auch Schilder oder kreative Designs haben mich schon früh fasziniert. Über die Jahre hinweg war Kunst einfach immer ein Teil meines Lebens. Ich habe nie bewusst darüber nachgedacht, ob ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen könnte – es war einfach etwas, das ich immer getan habe, weil es tief in mir verankert ist.
Sabrina Kalcher:
Erinnerst du dich noch an dein allererstes Kunstwerk, das du verkauft hast?
Dan Pyle: Ja, absolut! Ich war damals noch in der High School und arbeitete nebenbei in einem Kino. In der Lobby hing Kunst von einer lokalen Gruppe – dekorativ, aber offiziell zum Verkauf. Allerdings hatte bis dahin niemand etwas gekauft.
Der Theatermanager kannte meine Arbeiten und meinte: „Warum bringst du deine Bilder nicht auch hierher?“ Ich hatte zu der Zeit mit Acryl gemalt. Wenn ich mir diese Bilder heute ansehe, denke ich nur: Oh je, die waren schrecklich!
Aber alle fanden sie damals großartig. Also brachte ich einige meiner Werke ins Kino. Eine Woche später rief mich der Manager an und sagte: „Jemand hat eines deiner Bilder gekauft!“ Für 35 Dollar – das war damals für einen Schüler wie mich richtig viel Geld. Ich war total aufgeregt.
Und dann, nur zwei Wochen später, kam ein Kunstkäufer vorbei – und kaufte direkt alle restlichen Bilder auf einen Schlag. Das war eine riesige Überraschung und hat mir einen unglaublichen Motivationsschub gegeben. Mein erster Verkauf war also nicht nur emotional besonders, sondern auch ein echter Startschuss für mich.
Sabrina Kalcher:
Wann hattest du das Gefühl: Ich kann wirklich von meiner Kunst leben?
Dan Pyle: Damals war es für mich einfach ein Nebenverdienst – eine Möglichkeit, etwas extra Geld zu machen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Vollzeitkünstler sein würde.
Aber mein Ziel war immer klar: Ich wollte irgendwann in einer Galerie ausstellen, von jemandem vertreten werden und einen festen Platz finden, um meine Arbeiten zu zeigen. Doch als Künstler muss man sich hocharbeiten. Man zahlt seine „Lehrjahre“ ab – man nimmt kleine Gelegenheiten wahr, wo immer man sie findet, bis sich schließlich eine größere Chance ergibt.
Sabrina Kalcher:
Du machst seit Jahrzehnten Kunst – weißt du ungefähr, wie viele Werke du bisher geschaffen hast?
Dan Pyle:
Als ich angefangen habe, an all diesen kleinen Kunstausstellungen teilzunehmen, fing ich an, meine Werke zu dokumentieren. Ich erstellte Preislisten, einfach um den Überblick zu behalten. Wenn ich mir das heute anschaue, bin ich selbst überrascht, wie viele es sind.
Man denkt im Alltag nicht darüber nach, bis man mal zurückblickt. Es sind definitiv Hunderte – wahrscheinlich weit mehr. Allein hier in Deutschland habe ich normalerweise etwa 300 Werke verfügbar, einfach weil jede Ausstellung eine gewisse Menge erfordert.
Und weil die Verkäufe so gut laufen – was natürlich fantastisch ist – muss ich ständig neue Werke produzieren, um mit der Nachfrage mitzuhalten. Das ist ein schönes „Problem“ zu haben.
Sabrina Kalcher:
Kannst du uns einen kleinen Einblick in dein Studio geben? Wie sieht dein kreativer Arbeitsraum aus?
Dan Pyle:
Früher hatte ich nur ein kleines Arbeitsfeld in meinem Apartment – einfach eine Ecke, die ich mir zum Zeichnen eingerichtet hatte. Mein Geist war aber immer „an“. Egal, ob ich unterwegs war oder einfach durch die Stadt ging – ich sah Motive, interessante Menschen, besondere Augen oder Lichtverhältnisse, die mich inspirierten.
Aber das eigentliche Arbeiten fand dann doch immer zu Hause statt – mitten im Wohnraum. Das war nicht ideal, aber es funktionierte.
Heute, in Palm Springs, habe ich endlich mein eigenes großes Studio im Haus. Es ist hell, geräumig und effizient eingerichtet. Ich habe Platz für all meine Materialien, kann mich frei bewegen, muss nichts ständig umräumen – das macht einen riesigen Unterschied. Es unterstützt meine Produktivität enorm.
Sabrina Kalcher:
Woher kommt deine Inspiration? Und machst du deine Referenzfotos selbst?
Dan Pyle:
Die Inspiration finde ich wirklich überall. Und heute, wo wir alle Handys mit richtig guten Kameras haben, kann ich spontan alles festhalten: ein altes, rostiges Auto während einer Fahrradtour, ein interessantes Gesicht im Café, ein spannender Schattenwurf – ich mache ein Foto, bearbeite es zu Hause, und daraus entsteht vielleicht ein neues Kunstwerk.
Die Tierserie zum Beispiel entstand ursprünglich aus Fotos, die ich auf einer Reise nach Südafrika gemacht habe – ganz zufällig, als Tourist. Mein Agent hatte mich damals gebeten, es mal mit Tierporträts zu versuchen. Also habe ich meine eigenen Aufnahmen durchgesehen – und so fing alles an.
Inzwischen mache ich viele meiner Referenzfotos selbst. Früher habe ich aus Zeitschriften oder Bilder aus anderen Quellen gekauft, was mir gefiel, aber das änderte sich, als ich mich selbst mehr mit Fotografie beschäftigt habe. Ich bin sicher kein Profifotograf – aber gut genug, um gezielt Aufnahmen für meine Zeichnungen zu machen.
Und wenn ich selbst keine Möglichkeit habe, greife ich auch auf hochwertige Online-Ressourcen zurück. Ich habe auch einige befreundete Fotografen, die mir ihre Arbeiten zur Verfügung stellen. Wenn ich ein Bild sehe, das mich begeistert, frage ich sie – und sie schicken mir dann eine hochauflösende Version.
Manche Motive entstehen auch bei organisierten Fotoshootings mit Modellen. Dann mache ich an einem Tag Hunderte Bilder, die ich über Jahre hinweg verwenden kann – manchmal sogar erst zehn Jahre später, mit einem neuen Blickwinkel. Ich habe mittlerweile ein riesiges Archiv an Referenzen. Und oft entdecke ich beim erneuten Durchsehen neue Ideen wie ich das Motiv anders anordnen oder setzen kann.
Ungewöhnliche Kompositionen, die Begeistern
Sabrina Kalcher:
Man merkt deinen Werken an, dass sie mit einer besonderen Freiheit im Umgang mit Raum komponiert sind. Und du platzierst deine Motive manchmal bewusst außerhalb des Zentrums, sowohl im Bild aber auch im Rahmen – warum?
Dan Pyle:
Ja, ich arbeite sehr gerne mit dem sogenannten negativen Raum – ich lasse also bewusst leere Flächen stehen. Oft platziere ich das Hauptmotiv nicht zentral, sondern eher am Rand des Papiers. Der Rest bleibt „leer“, oder eher gesagt: ruhig. Für mich wirkt das oft kraftvoller, spannender als die klassische Mittelplatzierung.
Auch wenn ich die Werke später rahme und mit Passepartout versehe, spiele ich mit dieser Idee weiter. Manchmal lasse ich das Bild auch im Rahmen aus der Mitte rücken. Und ich habe gemerkt: Die Leute reagieren sehr positiv darauf. Es wurde sogar zu einer Art Markenzeichen von mir.
Mein Rahmenbauer erwähnte das sogar mal als Beispiel auf seiner Website – dass man nicht alles mittig ausrichten muss. Und durch diese besondere Präsentation hat sich mir eine große Gelegenheit ergeben: Ein Kunsthändler vom Cosmopolitan Hotel in Las Vegas sah meine Werke auf einer Ausstellung und kaufte zunächst drei Stück.
Dann fragte er, ob ich an einem größeren Projekt mit ihm zusammenarbeiten wolle – für die Kunstkollektion des Hotels. Natürlich sagte ich zu. Ich fertigte zwei Serien à neun Werke für die Flure außerhalb der Konferenzbereiche des Cosmopolitan an. Eine riesige Chance für mich – es war mein erster wirklich großer Auftrag mit strenger Deadline. Ich arbeitete damals noch tagsüber in einem anderen Job, also war es eine echte Herausforderung.
Aber ich habe es pünktlich fertiggestellt. Und nur einen Monat später erhielt ich eine E-Mail, gerade, als ich dachte, ich wäre fertig … Die Geschäftsführung hatte persönlich weitere fünf Werke von mir angefordert. Ich war überwältigt. Das Hotel beherbergt hunderte Werke von renommierten Künstlern – dass meine Arbeiten dort hängen, war eine große Ehre.
Dan Pyles Arbeitsweise zuhause und auf Reisen
Sabrina Kalcher:
Wow, das ist klasse! Du hast gesagt, dein Studio zu Hause ist inzwischen perfekt eingerichtet. Arbeitest du gleichzeitig an mehreren Projekten oder immer nur an einem – gerade wenn du an Serien arbeitest?
Dan Pyle:
Ich arbeite grundsätzlich immer an einem einzigen Werk – von Anfang bis Ende. Das hilft mir, den Fokus zu behalten und in die Tiefe zu gehen. Ich glaube, ich würde wahnsinnig werden, wenn ich ein Bild nur halb fertig hätte und schon mit einem Neuen beginne. Ich würde die ganze Zeit nur daran denken, zurückzugehen.
Deshalb bleibe ich konsequent bei einem Werk – bis es fertig ist. Ich arbeite jeden Tag daran, meistens nachts. Mein Lebensstil ist etwas ungewöhnlich: Ich arbeite oft bis 1 Uhr oder 2 Uhr morgens. Dann kann ich lange schlafen, essen, wann ich will – das ist der Künstleralltag, von dem ich immer geträumt habe.
Solange ich jeden Tag arbeite, ist alles gut. Wenn ich mal einen Tag nicht an einem Bild sitze, fühle ich mich sofort unruhig oder schuldig. Ich brauche das – ich muss kreativ sein, sonst fehlt mir etwas. Zum Glück habe ich immer ein Werk zu Hause bereit, das auf mich wartet.
Sabrina Kalcher:
Du wirkst wirklich sehr organisiert und fokussiert in deiner Arbeitsweise.
Dan Pyle:
Ja, das ist mir sehr wichtig.
Sabrina Kalcher:
Gestern Abend haben wir auch gesehen, dass du ein unfertiges Werk dabeihast, das mit dir reist. Wie funktioniert das für dich – unterwegs an einem Stück zu arbeiten?
Dan Pyle:
Das ist nicht einfach. Wenn ich ein Werk nicht fertigstellen kann und es für längere Zeit liegen bleibt – wie hier in Deutschland – dann ist es beim Zurückkommen wie ein kleines Rätsel. Ich muss das Bild erst wieder "lesen", mich erinnern: Hatte ich das Auge fertig? Hatte ich gerade erst mit der Nase begonnen? Ich nehme mir dann ein paar Minuten Zeit, um wieder in das Werk hineinzufinden, bevor ich weitermache.
Sabrina Kalcher:
Also bleibt das Werk hier in Deutschland, bis du zurückkommst?
Dan Pyle:
Ja. Früher, wenn die Werke klein genug waren, habe ich sie einfach mit ins Handgepäck genommen. Aber die Formate sind mittlerweile größer, also lasse ich sie hier. Beim nächsten Mal mache ich dann weiter.
Sabrina Kalcher:
Merkst du Unterschiede, wenn du auf diese Weise arbeitest, im Vergleich zum kontinuierlichen Arbeiten an einem Stück?
Dan Pyle:
Ja, definitiv. Es ist viel schwieriger. Wenn ich auf Ausstellungseröffnungen bin, komme ich nicht sehr weit – zumindest was den Fortschritt am Werk betrifft. Aber ich weiß, dass die Leute es spannend finden, mir beim Arbeiten zuzusehen.
Vor allem, weil ich keine klassischen Zeichenwerkzeuge verwende. Ich arbeite mit Wattestäbchen, Make-up-Applikatoren, Wattepads, Blendern – also Dingen, die man nicht unbedingt im Kunstladen findet. Die Besucher finden das oft faszinierend.
Manche fragen, ob ich über ein Foto male – oder ob es überhaupt gezeichnet ist. Das ist natürlich nicht der Fall. Und gerade wenn ich live arbeite, können sie sehen, wie alles Schicht für Schicht entsteht – ganz ohne Fotovorlage. Es ist für sie eine Möglichkeit, den Prozess direkt zu erleben.
Sabrina Kalcher:
Ja, die Frage habe ich gestern Abend auch gehört. Ich denke, es ist wirklich wichtig, denn manche Leute glauben dir sonst vermutlich gar nicht, dass es keine Fotos sind, oder?
Dan Pyle:
Ja, absolut. Ich erinnere mich an meine allererste Ausstellung in Palm Springs – noch bevor ich dort gelebt habe. Ich bin für Shows hingefahren und die Galerien mussten tatsächlich Schilder aufstellen, auf denen stand: „Kohlezeichnungen“. Denn viele dachten, es seien einfach nur Fotos – oder sind gar nicht erst reingekommen, weil sie meinten, das sei bloß Fotografie.
Ein Kunstmagazin in Palm Springs hat mal ein Interview mit mir gemacht, und der Titel des Artikels war „Extra Beschilderung erforderlich“. Die Leute sind an meinem Stand vorbeigelaufen, dachten, es seien Fotos, und gingen einfach weiter. Also habe ich schließlich Schilder gebastelt und deutlich darauf geschrieben: „Charcoal Drawings – Kohlezeichnungen“.
Und dann war es interessant: Sie wollten schon weitergehen, lasen das Schild, hielten inne, kamen zurück und meinten: „Moment, das sind Zeichnungen?“ Und plötzlich kamen sie rein. Man muss sie einfach irgendwie in den Raum bekommen. Und wenn sie erst mal da sind, sehen sie die Arbeit, schätzen sie – und am Ende sind wir alle glücklich.
Dan Pyle über Selbstvertrauen und was er seinem jüngeren Ich gerne Mitgeben würde
Sabrina Kalcher:
Vielen Dank für diese spannenden Einblicke! Wir nähern uns langsam dem Ende unseres Gesprächs – aber bevor wir abschließen, möchten wir noch ein wenig tiefer blicken, in deine Persönlichkeit und vielleicht deine künstlerische Philosophie. Gibt es ein persönliches Leitmotiv oder Prinzip, das dich in deiner Arbeit begleitet – und das du mit unseren Hörerinnen teilen möchtest?
Dan Pyle:
Weißt du, ich war lange Zeit sehr unsicher in Bezug auf meine Kunst. Ich dachte nie, dass ich besonders talentiert bin – ich habe einfach gern gezeichnet, und die Leute mochten es irgendwie. Aber ich selbst war nicht sehr überzeugt.
Als ich dann erste Anerkennung bekam, habe ich mit einem Galeriemanager gearbeitet, der eine Art Mentor für mich wurde. Ich erinnere mich an einen Moment, wo ich sagte: „Ich würde gern dieses Motiv zeichnen, aber ich weiß nicht, ob ich das kann – ich habe sowas noch nie gemacht.“ Und er sagte einfach: „Es gibt nichts, das du nicht zeichnen kannst.“
Seitdem ist dieser Satz in meinem Kopf geblieben. Immer wenn ich gezweifelt habe, ob ich etwas umsetzen kann – weil es zu detailliert, zu schwierig oder zu klein wirkt – habe ich daran gedacht. Und dann habe ich es einfach gemacht.
Das hat mich dazu gebracht, Motive und Herausforderungen anzugehen, die ich mir früher nicht zugetraut hätte. Und durch diese Erfahrungen habe ich mehr Selbstvertrauen entwickelt. Früher habe ich gedacht: „Ach, meine Sachen sind gar nicht so besonders.“ Auch wenn die Leute mich gelobt haben – ich dachte immer, sie wollen halt nett sein.
Aber inzwischen, mit all den Ausstellungen, der Resonanz, meiner Arbeit hier in Deutschland – fühle ich mich sicherer in dem, was ich tue. Und hoffentlich wird es einfach immer besser.
Sabrina Kalcher:
Das ist wirklich richtig schön. Dan, eine allerletzte Frage: Wenn du heute in der Zeit zurückreisen könntest – zu deinem jüngeren Ich, das dieses Selbstvertrauen noch nicht hatte – welchen Rat würdest du dir geben?
Dan Pyle:
Ich würde mir selbst sagen: „Glaub an dich. Hab keine Angst, Dinge auszuprobieren. Und tu es einfach – um dir selbst zu beweisen, dass du es kannst.“
Ich werde nächste Woche 71 Jahre alt. Es wäre schön gewesen, wenn ich diese Worte schon vor 30, 40, 50 Jahren gehört hätte. Vielleicht wäre ich dann noch weiter gekommen. Aber ich denke, dieser Gedanke hätte mir wirklich geholfen – früher an mich zu glauben, mir selbst zu vertrauen und den Weg mutiger zu gehen.
Sabrina Kalcher:
Das ist ein wirklich schönes Schlusswort. Vielen, vielen Dank, dass du die ganzen Einblicke, deine Geschichten – und natürlich deine beeindruckende Kunst – mit uns geteilt hast. Es war uns eine große Freude, dich hier zu haben. Danke dir!
Dan Pyle:
Ich freue mich wirklich sehr, hier zu sein. Ich liebe es, in Deutschland zu sein und ich liebe es, hier auszustellen – das ist wirklich etwas ganz Besonderes für mich.